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02/07/12  (admin)  [0 Comments]

DER MARS VOR DER HAUSTÜR

GELEITWORT

Zwischen dem Schkeuditzer Flughafen Halle-Leipzig im Norden und den Milchrampen von Zschachelwitz im Süden liegen die einstigen Dörfer Reudnitz, Leutzsch und Connewitz. Sie gehören seit über hundert Jahren zu Leipzig, dem größten Ort jener einstmals von Slawen und später von Sachsen besiedelten Gegend. Das zigt und nitzt, witzt und ditzt in diesem Sachsentiegel. Östlicher klingt kaum eine deutsche Landschaft. Aber die Menschen hier kleben nicht kleinpatriotisch an dem, was der Berliner seinen Kiez nennt. Im ehemals eingemauerten Ostdeutschland war die Messe-Schleuse immer der großen weiten Welt näher als irgendein anderer Fleck. Leipzig hatte zwar wie sonst keine größere Stadt in Europa mit der Braunkohleindustrie den Dreck gleich vor der Haustür. Doch genau diese und weitere Armseligkeiten reizten viele nach wahrheitsgemäßer Darstellung strebende Schriftsteller, den Aufbruch und Umbruch mit herbei zu schreiben, der ja im Herbst 1989  auf Leipzigs Straßen begann.
Dreiundzwanzig Leipziger Autoren stellen sich in diesem Bändchen mit ihren Texten vor. Um es gleich vorweg zu nehmen: Manchen bekannten und wichtigen Schriftsteller, namentlich aus der älteren Generation, wird man hier vermissen. Aber es sind ausnahmslos Männer und Frauen, die sich in einem schwer geprüften Landstrich auf Sinnsuche begeben haben. Schon im Herbst 1989 fassten einige Leipziger Autoren den Entschluss, eine unabhängige Autorengruppe zu bilden, und Anfang 1990 gründeten sie dann den ersten demokratischen, nicht mehr von oben dirigierten Schriftstellerverein der neuen Bundesländer.
Als „Freie Literaturgesellschaft Leipzig“ schreiben sie auch heute ihre Geschichten, Romane, Gedichte, Lieder, Stücke und Essays. Fast alle diese literarischen Genres spiegeln sich in dem ersten Almanach der Autorengruppe, der hier vorliegt. Sucht man nach einem Grundtenor für den Chor so unterschiedlicher Stimmen, so ist es vielleicht dieser: Lieber die erfahrene Wirklichkeit beschreiben als die idyllische Welt der Fernsehserien, lieber zum Sternenhimmel aufschauen als zu den Sternchen des Glitzermarktes. So sieht der Autor Volker Ebersbach eben den Mars vor seiner Haustür…
Uns verbindet seit jeher der Versuch, ansprechende und lebendige Literatur zu pflegen, und die meisten von uns prägte das Schicksal, in einem restriktiven Staat gelebt, überlebt, listenreich und kritisch geschrieben und in mehreren Fällen mit Staatsknast dafür bezahlt zu haben. Klopften später jüngere Schriftsteller an, konnten wir sie natürlich nicht zu ihrer aufrechten Haltung in früheren Jahrzehnten befragen. Doch wir glaubten immer zu spüren, ob sie zu uns passten: zu unserer Freiheitsliebe und zu unserem ethischen Anspruch.
Nun wünschen wir unseren Lesern viel Freude bei der Lektüre dieses Buches!

Steffen Mohr, Vorsitzender der Freien Literaturgesellschaft Leipzig e.V.