Freie Literaturgesellschaft Leipzig e.V.

[ URL: http://www.literatur-leipzig.de/calimero/../index.php?class=Calimero_Article&id=13418 ] [ Datum: 20.08.2017 ]

Ein Buch wie ein Film

Man stirbt nicht lautlos in TokioRettet Jan Flieger das verdorbene Genre Krimi?

• Krimis gibt’s wie Sand am Meer. Im deutschen Buchmarkt: Jede frustrierte Emanze glaubt, zumindest einen Krimi schreiben zu können‚ und meuchelt darin den hauseigenen Macho. Im heimatlichen Film langweilen die stereotypen Formate Polizeiruf und Tatort.

Aus dem Land, in dem man Kleinkindern schussfähige Gewehre zum Geburtstag schenkt, überschwemmen uns fließbandproduzierte Rächerarien, in denen die zerstörten Nobelkarossen noch die eindruckvollsten Gesichter tragen. Hongkong tut, was die USA vortuten, bloß akrobatischer.

Zwei Wallander erübrigen das Ansehen des dritten bis fünften. Von Zeit zu Zeit blitzt Geist in britischen oder französischen Produkten auf. O, Krimi, wer dich liebt, möchte oft mit den abgewandelten Worten König Richards ausrufen: „Ein Königreich für …eine geistvolle Idee!“

Diese Idee zeugt jetzt der Leipziger Jan Flieger in seinem neuen Thriller „Man stirbt nicht lautlos in Tokyo“. Es ist ein Buch, das liest sich wie ein Film. Es ist die seit dem Gilgameschepos vertraute Geschichte
von einem, der auszieht, die Welt zu verbessern, indem er die Bösen mit rächender Faust erledigt: Verzweifelter Vater, nahkampftüchtig, rächt seine von durchs Gesetz geschützten Gesetzlosen ermordete Tochter. Es ist ein Fliegermotiv, das sich in dessen Büchern schon lange durchzieht, diesmal nicht vor ostdeutscher oder norwegischer Kulisse, sondern einem gut recherchierten Tokyo, das beim Lesen Lust macht, eine Reise dorthin anzutreten.

Der Unterschied zum Dilettantenmüll, der sich zur Zeit in Büchern und den sogenannten „Formaten“ des Fernsehens breitmacht, besteht vor allem in Fliegers plastischer Sprache, der Klarheit der Struktur und der fürs Unterhaltungsgenre beachtlichen Prise an Lebensweisheit, die den Massenerzeugnissen fehlt. Denn erst, wenn einer Sprache hat, sollte er sich drucken lassen. In diesem Sinne rettet der Altmeister den Krimi vielleicht vor dessen Untergang.

Steffen Mohr

„Man stirbt nicht
lautlos in Tokyo“
,
fhl Verlag, 195 Seiten,
12 Euro

Während des Wave-Gotic-Festivals liest Jan Flieger am Freitag, dem 17. Mai, 17 Uhr in der Buchhandlung Hugendubel, Petersstraße.
Eintritt frei!